Binnenschifferforum hilft e.V.
Aus der Katastrophe entstanden – aus Solidarität gewachsen
Manchmal braucht es ein Ereignis, das eine ganze Branche aufrüttelt.
Für uns war es die Havarie des Tankmotorschiffes WALDHOF am 13. Januar 2011 an der Loreley.
Das Schiff kenterte auf dem Rhein, zwei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Einer der beiden Kollegen wurde trotz intensiver Such- und Bergungsmaßnahmen niemals gefunden. Gleichzeitig führte die Sperrung des Rheins über Wochen zu erheblichen wirtschaftlichen Belastungen für hunderte Binnenschiffer, die plötzlich zwischen Existenzangst, Sorge um ihre Kollegen und der Ungewissheit über den Ausgang der Bergung standen.
Was zunächst eine Katastrophe für zwei Besatzungen und ihre Familien war, wurde sehr schnell zu einem Moment, in dem vielen Binnenschiffern bewusst wurde: Da müssen wir helfen.
Bereits unmittelbar nach der Havarie entwickelte sich im Binnenschifferforum eine beispiellose Welle der Anteilnahme und Hilfsbereitschaft. Kolleginnen und Kollegen sammelten Spenden, und suchten nach Möglichkeiten, Familien und betroffene Schiffer konkret zu unterstützen. Aus dieser Solidargemeinschaft entstand innerhalb weniger Wochen der Verein Binnenschifferforum hilft e.V., der am 26. Februar 2011 unter großem öffentlichen Interesse in Koblenz an Bord des Fahrgastschiffes „Schloss Engers“ gegründet wurde.
Doch von Anfang an war klar: Hilfe darf nicht erst dann beginnen, wenn etwas passiert ist.
Schon in den ersten Wochen und Monaten nach der WALDHOF-Havarie wurde deshalb über weit mehr gesprochen als über Spenden und Einzelschicksale. Die Diskussionen drehten sich um die Sicherheit an Bord, um die Ausstattung und Einsatzbereitschaft der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung, um Arbeits- und Ruhezeiten, Bemannungsvorschriften, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und um die Frage, wie sich Gefahren für die Menschen auf den Schiffen künftig besser vermeiden lassen.
Aus der mildtätigen Hilfe wurde Schritt für Schritt ein umfassenderes Engagement.
Kollegen helfen Kollegen – und darüber hinaus
Der ursprüngliche Gedanke ist bis heute ein wichtiger Teil unseres Vereins: Wenn ein Kollege oder eine Kollegin unverschuldet in eine Notlage gerät, sollen Menschen aus der eigenen Branche nicht wegschauen.
Gerade die Ereignisse rund um die WALDHOF haben gezeigt, wie schnell aus einem beruflichen Problem eine persönliche und familiäre Katastrophe werden kann. Deshalb gehörten von Anfang an nicht nur finanzielle Hilfe, sondern auch menschliche Anteilnahme, persönliche Kontakte und praktische Unterstützung zu unserem Selbstverständnis.
So begleiteten Vertreter unseres Vereins beispielsweise die Trauerfeiern eines der verstorbenen Besatzungsmitglieder und übergaben den Angehörigen neben einem Blumengruß auch die Kondolenzbekundungen der Kollegen aus dem Forum. Gleichzeitig blieb der Kontakt zu den Hinterbliebenen bestehen, um zu prüfen, ob weitere Unterstützung notwendig war.
Aber wir wollten irgendwann nicht mehr nur die Folgen eines Problems lindern.
Wir wollten verhindern, dass Probleme überhaupt erst zu Katastrophen werden.
Von der Hilfe zur Einmischung
Wir hatten gesehen, wie unsere öffentliche Diskussion bei den Behörden zum Nachdenken angeregt hatte. Anregungen von Teilnehmern des Binnenschifferforums fanden Einzug in neue Sicherheitsbestimmungen und selbst Bauvorschriften wurden geändert. So wuchs mit den Jahren unser Engagement für die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen an Bord.
Wir beschäftigten uns mit Fragen der Arbeitssicherheit, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen, Infrastruktur, Fahrzeitregelungen und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen Binnenschiffer ihren Beruf ausüben müssen.
Auch der Ausbau und Erhalt ausreichender Liegeplätze wurde immer stärker zu einem unserer Themen. Denn ein Schiff kann nicht einfach irgendwo anhalten, wenn die Besatzung ihre vorgeschriebene Ruhezeit antreten muss. Fehlende sichere Liegeplätze können unmittelbar zu einem Sicherheitsproblem werden.
Bereits in den ersten Jahren unseres Vereinsengagements wurden Themen wie Ausbau der Liegeplätze, Fahrzeitregelungen, Abfallabkommen, Arbeitszeitregelungen und Bemannungsvorschriften ausdrücklich als Arbeitsfelder genannt.
Und dieses Thema ist aktueller denn je.
Wo Häfen heute aus Sicherheits- oder Kritis-Gründen keine Übernachtung von Schiffen mehr zulassen, gleichzeitig aber in erreichbarer Entfernung keine geeigneten Ausweichliegeplätze vorhanden sind, entsteht ein gefährlicher Widerspruch: Die Besatzung soll ihre Ruhezeiten einhalten – muss dafür aber unter Umständen erst weiterfahren. Genau auf diese Problematik weist heute auch die Europäische Vereinigung der Binnenschiffer mit Nachdruck hin. Gefordert werden unter anderem sichere Kritis-Ausweichliegeplätze, verbindliche Mindeststandards für Nachtliegeplätze sowie eine bessere Koordination zwischen Bund, Ländern, Kommunen, Häfen und Verbänden.
Wir haben nicht nur diskutiert – wir haben Öffentlichkeit geschaffen
Ein wichtiger Teil unseres Engagements war und ist die öffentliche Aufmerksamkeit.
Binnenschifffahrt findet zwar mitten in unserer Gesellschaft statt, wird aber häufig erst dann wahrgenommen, wenn eine Havarie, eine Niedrigwasserperiode oder eine außergewöhnliche Sperrung Schlagzeilen macht.
Wir wollten das ändern.
Deshalb haben wir immer wieder den Kontakt zu Presse, Radio, Fernsehen und später in besonderem Maße zu den sozialen Medien gesucht. Wir haben Informationen weitergegeben, Pressemitteilungen verbreitet, auf Missstände aufmerksam gemacht und versucht, die Perspektive derjenigen in die öffentliche Diskussion einzubringen, die täglich an Bord arbeiten.
Schon während der WALDHOF-Katastrophe war das Binnenschifferforum eine wichtige Plattform für Informationen und öffentliche Diskussionen. Mitglieder suchten aktiv den Kontakt zu Medienredaktionen; unter anderem wurden ARD-Sendeanstalten und der WDR angesprochen. Der WDR verwies seinerzeit darauf, dass eine Berichterstattung über die Binnenschifffahrt auf Grundlage der bereitgestellten Informationen denkbar sei.
Das Prinzip ist bis heute dasselbe:
Wenn über Binnenschifffahrt gesprochen wird, sollen nicht nur Schiffe, Ladung und Logistik zu Wort kommen – sondern auch die Menschen, die diese Schiffe fahren.
Von Kollegen für Kollegen – für die Schifffahrt
Dabei verstehen wir unser Engagement ausdrücklich nicht als Konfrontation um der Konfrontation willen.
Wir wollen keine Politik „gegen“ Behörden, Häfen, Reedereien oder andere Beteiligte machen. Wir wollen Probleme sichtbar machen, bevor sie Menschen gefährden oder Betriebe in Schwierigkeiten bringen.
Unsere Erfahrung zeigt: Die besten Lösungen entstehen dort, wo diejenigen angehört werden, die die Probleme täglich erleben.
Deshalb haben wir uns immer wieder in politische und fachliche Diskussionen eingebracht, Gespräche geführt, Kontakte zu Entscheidungsträgern aufgebaut und konkrete Verbesserungen eingefordert.
Denn wer morgens das Steuerhaus betritt, kennt die Wasserstraße anders als jemand, der sie nur auf einer Karte betrachtet.
Wer nachts einen sicheren Liegeplatz sucht, kennt das Problem anders als jemand, der eine Infrastrukturplanung auf dem Papier erstellt.
Und wer bei Wind, Wetter, Dunkelheit, Hochwasser, Niedrigwasser oder dichtem Verkehr ein Schiff sicher durch eine Engstelle bringen muss, weiß aus eigener Erfahrung, wo Vorschriften funktionieren – und wo sie an der Realität vorbeigehen.
Ein Netzwerk, das über Grenzen hinausdenkt
Binnenschifffahrt endet nicht an Landesgrenzen.
Unsere Wasserstraßen verbinden Deutschland mit den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Luxemburg, Österreich, der Schweiz und vielen weiteren europäischen Staaten. Die Probleme der Menschen an Bord sind deshalb häufig europäische Probleme: Arbeitsbedingungen, Besatzung, Ruhezeiten, Sicherheit, Infrastruktur, Liegeplätze, Schleusen, Hafenanlagen und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen machen nicht an einer Staatsgrenze Halt.
Aus diesem Gedanken heraus wurde ein weiterer wichtiger Schritt möglich:
Die Europäische Vereinigung der Binnenschiffer – E.V.d.B. wurde wiederbelebt und als Abteilung in Binnenschifferforum hilft e.V. integriert.
Damit schließt sich gewissermaßen ein Kreis. Aus dem ursprünglichen Gedanken einer Solidargemeinschaft für Kollegen ist eine Organisation entstanden, die den Anspruch hat, die Interessen der Binnenschiffer auch auf europäischer Ebene sichtbar zu machen.
Die wiedergegründete E.V.d.B. versteht sich dabei ausdrücklich als Interessenvertretung der Menschen an Bord. Aktuelle Stellungnahmen zeigen, dass Themen wie Infrastruktur, sichere Liegeplätze, Arbeits- und Ruhebedingungen sowie die Sicherheit der Besatzungen weiterhin im Mittelpunkt stehen.
Von der WALDHOF bis heute
Wenn wir heute auf die Geschichte von Binnenschifferforum hilft e.V. zurückblicken, sehen wir deshalb weit mehr als die Geschichte eines mildtätigen Vereins.
Wir sehen eine Entwicklung:
Aus Trauer wurde Solidarität.
Aus Solidarität wurde Hilfe.
Aus Hilfe wurde Verantwortung.
Aus Verantwortung wurde Engagement.
Und aus Engagement wurde eine Stimme für die Menschen an Bord.
Die WALDHOF war der traurige Ausgangspunkt.
Zwei Menschen verloren ihr Leben. Einer von ihnen wurde nie gefunden. Dieses Schicksal darf nicht vergessen werden.
Aber ebenso wenig darf vergessen werden, was danach entstanden ist: Menschen, die sich zusammengeschlossen haben, um anderen zu helfen. Ein Forum, in dem Informationen ausgetauscht wurden. Ein Verein, der nicht nur Spenden sammelte, sondern begann, die Ursachen von Problemen anzusprechen. Ein Netzwerk, das sich in Medien, Politik und Öffentlichkeit zu Wort meldete. Und schließlich mit der wiedergegründeten Europäischen Vereinigung der Binnenschiffer eine Plattform, die den Blick über Deutschland hinaus richtet.
Unser Anspruch
Wir wollen dort hinschauen, wo andere wegsehen.
Wir wollen helfen, wenn Hilfe gebraucht wird.
Wir wollen Missstände benennen, wenn sie die Sicherheit, Würde oder wirtschaftliche Existenz der Menschen an Bord gefährden.
Wir wollen Öffentlichkeit schaffen, wenn die Binnenschifffahrt übersehen wird.
Und wir wollen mit den Verantwortlichen ins Gespräch kommen, wenn Lösungen möglich sind.
Denn eines hat uns die Geschichte unseres Vereins von Anfang an gezeigt:
Binnenschifffahrt ist mehr als Transport.
Hinter jedem Schiff stehen Menschen. Menschen, die arbeiten, Verantwortung tragen, Familien haben, Risiken eingehen und jeden Tag dafür sorgen, dass Europas Güter auf dem Wasser unterwegs sind.
Für diese Menschen gibt es Binnenschifferforum hilft e.V.
Kollegen helfen Kollegen.
Menschen helfen Menschen.
Die Menschen an Bord brauchen eine hörbare Stimme in der Öffentlichkeit.
Binnenschifferforum hilft e.V. und die Europäische Vereinigung der Binnenschiffer. Gemeinsam stark!

