Jubiläum des Zynismus:
Wenn die Akteure bei der eigenen Party stören.
Scharnebeck, 20. Juni 2026 – Wer am Samstag am Schiffshebewerk Scharnebeck vorbeikommt, wird glückliche Gesichter, wehende Fahnen und ein buntes Rahmenprogramm sehen. Der Bund feiert das 50-jährige Bestehen des Elbe-Seitenkanals. Es gibt Bratwurst, Musik und Sonderfahrten mit dem Fahrgastschiff. Ein tolles Fest für die Region.
Eines sieht man allerdings nicht: Binnenschiffe.
In den Einladungen wirbt man zwar „Erleben Sie Wasserfahrzeuge hautnah und nutzen Sie die Möglichkeit zu Fahrten durch das Schiffshebewerk“, die Realität ist aber eine Andere. Denn für das arbeitende Gewerbe der Binnenschifffahrt gilt am Tag des Jubiläums „wir müssen leider draußen bleiben“. Die logistische Realität wird für die Dauer der Feierlichkeiten einfach ausgeknipst.
Die Kulisse muss sauber bleiben
Damit die Besucherströme ungestört das „maritime Flair“ genießen können, wurde die kommerzielle Binnenschifffahrt rigoros verbannt. Die Schiffe dürfen sich der Anlage nicht einmal nähern. Sie wurden angewiesen, mit ihren Schiffen in Kilometern Entfernung außerhalb des Sicht- und Hörbereichs festzumachen.
Offizielle Begründung: Sicherheit und reibungsloser Ablauf des Festes.
Die schifffahrtspolitische Wahrheit: Wer kilometerweit weg liegt, kann den Festrednern aus der Politik nicht mit dem Typhon dazwischenfunken. Man will die unbequemen Kritiker, die täglich unter dem desolaten Zustand der Infrastruktur leiden, schlicht nicht im Bild haben.
Die Ironie dieser Veranstaltung ist kaum zu überbieten. Gefeiert wird eine Schlüsselpassage der europäischen Schifffahrt, die seit fast 20 Jahren das größte Nadelöhr im Norden darstellt. Seit weit über zehn Jahren wartet das Gewerbe vergeblich darauf, dass die Anlage endlich wieder dauerhaft im Zweitrogbetrieb läuft. Stattdessen hangelt sich die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes von einer Trogreparatur zur nächsten. Der Eintrogbetrieb ist zum Dauerzustand geworden. Häufig stören Sperrungen wegen technischer Ausfälle zusätzlich den Ablauf.
Dabei kostet jede Sperrung die Partikuliere bares Geld und treibt die verunsicherten Verlader in die Arme der Konkurrenz. Dass der Bund nun ausgerechnet für eine Image-Party eine geplante Vollsperrung anordnet und dem Gewerbe einen weiteren unentschädigten Stillstandstag aufzwingt, ist ein Schlag ins Gesicht für jeden selbstständigen Schiffer.
„Wir Partikuliere finanzieren dieses System mit unseren Steuern und Abgaben, wir ertragen die jahrelange Misswirtschaft – und zum Dank sperrt man uns bei unserem eigenen Jubiläum aus, damit wir den feinen Damen und Herren aus den Ministerien nicht die Suppe versalzen.
(Kommentar eines Binnenschiffers)
Brot und Spiele statt Spundwände und Schleusen
Während in Scharnebeck die Sektkorken knallen, verrotten nur wenige Kilometer weiter auf dem Mittellandkanal und dem Dortmund-Ems-Kanal die Spundwände,.ängst nicht mehr zeitgemäße Brückenhöhen Schaden der Wirtschaftlichkeit des Verkehrsträgers Wasserstraßen.
Während die Politik sich für 50 Jahre Vergangenheit feiert, blockieren kaputte Nischenpoller in Geesthacht den Arbeitsschutz und in Oldenburg rottet eine Brücke aus Nachkriegszeiten vor sich hin und gefährdet die Sicherheit der Besatzungen.
Dieses Jubiläum zeigt den ganzen Offenbarungseid der deutschen Verkehrspolitik: für PR, Hochglanzbroschüren, für Brot und Spiele ist jederzeit Geld und Zeit vorhanden. Für die betriebssichere Erhaltung und den zügigen Weiterbau zweiter Schleusenkammern fehlt angeblich jede Ressource.
Die Europäische Vereinigung der Binnenschiffer (E.V.d.B.) gratuliert dem Schiffshebewerk Scharnebeck herzlich zum 50. Geburtstag. Dem Eigentümer der Anlage – dem Bund – gratulieren wir zu dem Talent, die eigenen Leistungsträger so erfolgreich unsichtbar zu machen. Morgen wird gefeiert. Ab übermorgen stehen wir wieder im Stau vor dem einzigen funktionierenden Trog.

